Rabattkampagnen planen, ohne an der 30-Tage-Regel zu scheitern
Adam Charvat
Seit Mai 2022 muss jeder Shop, der an Verbraucher verkauft, neben einem angekündigten Rabatt den niedrigsten Preis der letzten 30 Tage anzeigen — in Deutschland steht das in § 11 der Preisangabenverordnung, die Regel selbst kommt aus der EU-Omnibus-Richtlinie. Sie gilt EU-weit: Wer in andere EU-Länder verkauft, trifft dort auf die jeweilige nationale Umsetzung derselben Richtlinie — und sie greift unabhängig davon, wo der Shop sitzt. Ein Satz im Gesetz, der trotzdem eine monatelang vorbereitete Kampagne kippen kann.
Wir haben mit dieser Regel bei unseren Kunden regelmäßig zu tun: bei der Kampagnenplanung, bei der technischen Umsetzung und auch dann, wenn schon eine Abmahnung oder eine behördliche Nachfrage auf dem Tisch lag. Weil sich dieselben Fehler wiederholen, haben wir aufgeschrieben, wie es richtig geht. Das ist keine Rechtsberatung, sondern Praxis.
Das Gesetz will nicht den „Preis vor dem Rabatt"
Das häufigste Missverständnis zuerst. Die geforderte Angabe ist nicht der Preis vor dem Rabatt. Es ist der niedrigste Preis, zu dem das Produkt in den 30 Tagen vor der ersten Preissenkung tatsächlich verkauft wurde — und er bleibt für die gesamte Aktion gleich.
Daraus folgen zwei Dinge, die fast jeden überraschen:
Eine Rabatterhöhung setzt nichts zurück. Wenn Sie mitten in der Aktion von −50 % auf −60 % erhöhen, vergleichen Sie sich weiterhin mit dem Preis vor dem Aktionsstart. Rechtlich ist es eine Aktion, nicht zwei.
Die Referenz überlebt das Aktionsende. Weitere 30 Tage nach dem Ende zählt der Aktionspreis als niedrigster Preis. Eine Kampagne, die zu früh anschließt, sieht deshalb anders aus, als das Marketing erwartet hat. Dazu gleich ein Beispiel.
Der Jo-Jo-Effekt: ein Rabatt mit dem Hinweis „vor Kurzem war es billiger"
Ein Modellbeispiel, das uns immer wieder begegnet:
Zeitraum
Preis
bis 30. 6.
19,90 € (erste Aktion)
1.–20. 7.
49,90 € (regulärer Preis)
ab 21. 7.
24,90 € (neue Aktion)
Preisverlauf eines Produkts: erste Aktion für 19,90 €, Rückkehr auf 49,90 € und neue Aktion für 24,90 €, bei der der niedrigste Preis der letzten 30 Tage unter dem Aktionspreis liegt
Die neue Aktion startet drei Wochen nach dem Ende der ersten. Der niedrigste Preis der letzten 30 Tage ist deshalb 19,90 € — weniger als der Aktionspreis. Der Shop bewirbt einen Rabatt, und die Pflichtangabe direkt daneben sagt: Vor drei Wochen war es billiger.
Das ist kein Systemfehler, sondern die schlichte Arithmetik zweier dicht aufeinander folgender Aktionen. Und es betrifft nicht nur einzelne Produkte — treffen zwei katalogweite Kampagnen so aufeinander, bricht die Referenz bei Dutzenden Artikeln gleichzeitig.
Es gibt nur zwei Auswege. Entweder Sie gehen unter das bisherige Minimum, sodass der Rabatt auch gegenüber der ersten Aktion echt ist. Oder Sie warten, bis die alte Aktion aus dem 30-Tage-Fenster fällt. Daher die eine Regel, die Sie aus diesem Artikel mitnehmen sollten: Lassen Sie zwischen zwei Kampagnen auf dieselbe Ware 30 Tage regulären Preis.
Noch eine Begriffsklärung: Das ganze Beispiel handelt von gewöhnlichen Rabattaktionen. Ein echter Ausverkauf — typischerweise der Abverkauf von Ware mit ablaufendem Haltbarkeitsdatum — folgt eigenen Regeln und ist nicht Thema dieses Artikels.
Ein Rabatt, der ein Jahr dauert, ist kein Rabatt
Hin und wieder stoßen wir auf ein Produkt, das seit über einem Jahr durchgehend „im Angebot" ist. Zum regulären Preis wurde es in dieser Zeit kein einziges Mal verkauft — es gibt also nichts, womit sich der niedrigste Preis belegen ließe.
Ein Rabatt ist eine zeitlich begrenzte Aktion. Dauert er ein Jahr, ist er kein Rabatt, sondern ein regulärer Preis mit einer durchgestrichenen Fiktion darüber — und bei einer Prüfung können Sie ihn nicht belegen. Soll ein Produkt dauerhaft günstiger sein, senken Sie den regulären Preis.
Bundles: häufigerer Verstoß als die 30-Tage-Regel selbst
Mit dem 30-Tage-Fenster hat das nur halb zu tun, in der Praxis ist es aber der häufigste Verstoß überhaupt, also gehört es hierher.
Ein typisches „2+1 gratis"-Bundle kostet 50 € und hat 75 € durchgestrichen — die Summe der einzeln gekauften Artikel. Es sieht aus wie ein Rabatt. Nur:
Für 75 € wurde das Bundle nie verkauft. Als Produkt entstand es direkt zu 50 €.
Ein durchgestrichener Preis ist eine visuelle Rabattankündigung. Kunden lesen ihn als „war 75, jetzt 50" — was nie passiert ist. Hier geht es nicht mehr um die 30-Tage-Regel, sondern um eine irreführende Geschäftspraktik: der Eindruck eines Preisvorteils durch Verweis auf einen Preis, der für diese Ware nie galt.
Und es lässt sich nicht durch die Angabe des niedrigsten Preises „reparieren". Das wäre nur eine weitere verwirrende Zahl auf der Seite.
Die richtige Lösung ist, gar nicht durchzustreichen. Der Vergleich mit dem Einzelkauf ist ein legitimes Argument und verkauft gut — er muss nur ausgeschrieben statt durchgestrichen sein:
Falsch: ein Bundle mit durchgestrichener Summe von 75 €. Richtig: ein Preis von 50 € und ein Satz dazu, was der Einzelkauf kosten würde
Als Beispiel ließe sich schreiben: „Einzeln gekauft kosten diese Artikel insgesamt 75 € — 25 € mehr als dieses Bundle." Damit ist klar, womit der Preis verglichen wird. Auch der Produktname hilft — „3er-Set – 2+1 gratis" transportiert den Vorteil von selbst.
Dasselbe gilt für eine durchgestrichene unverbindliche Preisempfehlung. Wenn Sie nie zu ihr verkauft haben, ist es derselbe Fall.
Ein Code in der Leiste ist auch ein Rabatt
Shopweite Rabattcodes sind das häufigste Kampagnenformat und kaum jemand behandelt sie richtig: In der Ankündigungsleiste steht „RABATT15 auf alles", an den Produkten ist nichts durchgestrichen. Es wirkt wie eine Ausnahme von den Regeln — kein durchgestrichener Preis, keine Pflicht. Ist es nicht.
Ein öffentlich beworbener Code ist eine Rabattankündigung, genau wie ein durchgestrichener Preis. Bei den Produkten, für die er gilt, sollte der niedrigste Preis der letzten 30 Tage angezeigt werden — obwohl der Produktpreis „unrabattiert" dasteht. Und alles Übrige aus diesem Artikel gilt ebenso: Die Referenz wird vor dem Kampagnenstart fixiert, die Erhöhung des Codes von 15 % auf 20 % setzt sie nicht zurück, und zwei Code-Kampagnen hintereinander erzeugen dasselbe Jo-Jo wie zwei durchgestrichene.
Planen Sie eine Code-Kampagne also genau wie einen klassischen Rabatt. Ein individueller Code für einen bestimmten Kunden — eine Treueprämie oder eine Entschuldigung für eine verspätete Lieferung — ist eine andere Situation und keine öffentliche Rabattankündigung.
Sechs Regeln für die Kampagnenplanung
Planen Sie den Aktionskalender im Voraus. Zwischen Kampagnen auf dieselbe Ware 30 Tage regulären Preis. Nicht weil das Gesetz es ausdrücklich verlangt — sondern weil sonst die Referenz der letzten Aktion in die neue hineinblutet.
Kopieren Sie keine fremden Kampagnen. „Dieser Shop macht es so, und der ist groß, also wird es stimmen" ist der kürzeste Weg ins Problem. Von außen sehen Sie weder die Preishistorie noch die AGB noch die Rechtsauslegung, auf die sich der andere stützt. Und vor allem: Die Referenz berechnet sich aus Ihrer Historie, nicht aus seiner — derselbe Rabatt kann woanders sauber aufgehen und bei Ihnen als Jo-Jo enden.
Experimentieren Sie nicht flächendeckend mit Preisen. Jede kurze Preissenkung schreibt sich für 30 Tage in die Referenz. Testen Sie an wenigen Produkten, nicht am ganzen Katalog.
Planen Sie die Rückkehr zum regulären Preis ein. Dreißig Tage regulärer Preis vor einer großen Kampagne sind legitime Vorbereitung — so „reinigen" Sie Ihre Historie etwa vor dem Black Friday.
Streichen Sie nur echte frühere Preise durch. Keine Bundle-Summen, keine Preisempfehlungen, keine Preise von anderswo. Vergleiche als Satz schreiben.
Führen Sie ein Preisprotokoll. Ohne Zeitstempel können Sie nicht belegen, was wann angezeigt wurde. Wir protokollieren bei unseren Kunden jede Preisänderung — und als eine Prüfung kam, war das der einzige Weg zu belegen, was Kunden tatsächlich gesehen haben.
Und was macht Shopify daraus?
Kurze Antwort: nichts. Shopify berechnet und speichert den niedrigsten Preis der letzten 30 Tage nicht. Die meisten Apps aus dem App Store lösen es rollierend — „niedrigster Preis der letzten 30 Tage, Stand heute". Das ist aber eine andere Zahl als die gesetzlich geforderte: Das Gesetz fixiert den Preis vor dem Aktionsstart. Während der Aktion holt eine rollierende Berechnung den Aktionspreis allmählich ein, und die Angabe verliert ihren Sinn. Wenn Sie die Berechnung einer App überlassen, prüfen Sie, welche der beiden Zahlen sie wirklich berechnet.
Eine letzte Anmerkung. Das ist Praxis aus unseren Projekten, keine Rechtsberatung — die Details der 30-Tage-Regel unterscheiden sich zwischen den EU-Ländern, und einige sind selbst unter Juristen umstritten, von Treuepreisen bis zur Frage, was genau eine „Rabattankündigung" ist. Bevor Sie Kampagnen auf Kante bauen, lassen Sie die Formulierungen juristisch prüfen. Und wenn Sie das Thema auf Shopify lösen, melden Sie sich.
Frequently Asked Questions
Den niedrigsten Preis, zu dem das Produkt in den 30 Tagen vor der ersten Preissenkung tatsächlich verkauft wurde. Der Wert ändert sich während der Aktion nicht — auch nicht, wenn Sie den Rabatt erhöhen — und weitere 30 Tage nach Aktionsende zählt der Aktionspreis als niedrigster Preis.
Nein. Eine Vertiefung des Rabatts, etwa von −50 % auf −60 %, ist weiterhin dieselbe Aktion und wird mit dem Preis vor ihrem Start verglichen. Ein neues Fenster beginnt erst, wenn der Preis auf das reguläre Niveau zurückkehrt.
Nein. Ein durchgestrichener Preis kündigt einen Rabatt gegenüber einem Preis an, zu dem das Produkt früher verkauft wurde — die Summe der Einzelartikel ist kein solcher Preis, denn das Bundle wurde nie dafür verkauft. Schreiben Sie den Vergleich als Satz neben den Preis, statt etwas durchzustreichen.
Ja. Ein öffentlich beworbener Code („RABATT15 auf alles") ist eine Rabattankündigung, auch wenn an den Produkten nichts durchgestrichen ist — der niedrigste Preis der letzten 30 Tage muss bei den Produkten angezeigt werden, für die der Code gilt. Ein individueller Code für einen einzelnen Kunden ist keine öffentliche Ankündigung.
Nein. Shopify berechnet und speichert den Referenzpreis nicht. Die meisten App-Store-Apps berechnen ein rollierendes Minimum bis heute — das ist eine andere Zahl als die gesetzlich geforderte: Das Gesetz fixiert den niedrigsten Preis vor dem Start der Aktion.